Call for proposals

Nun sind die Forschenden gefragt: Bis Mitte Oktober haben sie Zeit, bei «Pflegekinder – next generation» ihre Offerten für Forschungsprojekte einzureichen. Die Ausschreibungen hierzu sind im August 2020 aufgeschaltet worden.

Die Situation der Pflegekinder in der Schweiz soll sich langfristig verbessern – mit diesem Ziel vor Augen hat die Projektgruppe «Forschung und Entwicklung» drei grosse Untersuchungsfelder bestimmt.

Partizipation, gute Begleitung, Vergleich kantonale Strukturen

Die Perspektive der Pflegekinder steht im Zentrum der ersten Untersuchung. Wie erleben sie ihre Möglichkeiten zur Mitbestimmung? Werden ihre Rechte respektiert? Wo befinden sich Barrieren, welche ihre Entfaltung beeinträchtigen? Diesen und anderen Fragen geht das Projekt Partizipation von Pflegekindern nach, um Rückschlüsse auf eine gelungene Partizipationspraxis zu ziehen.

Das Projekt Gute Begleitung von Pflegeverhältnissen setzt sich mit der Tatsache auseinander, dass sich die in Pflegeverhältnissen beteiligten Pflegekinder, Herkunfts- und Pflegefamilien komplexen Aufgaben gegenüberstehen. Bei der Untersuchung geht es insbesondere um die Fragen, wie die Begleitung von Pflegeverhältnissen in der Schweiz organisiert ist und an welchen Beispielen einer vorbildlichen Praxis man sich bei der Verbesserung der Begleitung orientieren kann.

Der Wirkung des Föderalismus soll im Projekt Vergleich von kantonalen Strukturen nachgegangen werden. Anhand der heterogenen kantonalen Strukturen, Rechtsgrundlagen und Finanzierungsregelungen sollen die Rahmenbedingungen für gelingende Pflegeverhältnisse untersucht werden.

Genügend Mittel für vertiefte Forschung

Damit die Forschungsprojekte langfristig Wirkung zeitigen können, wurden sie mit einem Kostendach von 150’000, 250’000 und 400’000 Franken versehen. Mit eingeschlossen im Budget sind die geeignete Vermittlung der Ergebnisse an unterschiedliche Zielpublika im Rahmen der Veranstaltungen des Gesamtprojektes. Forschende und ihre Teams aus der ganzen Schweiz können bis spätestens am 16. Oktober ihre Offerten einreichen. Nach einer Evaluation der Offerten wird die Projektgruppe «Forschung und Entwicklung» im Dezember über die Vergabe der Aufträge befinden. Im nächsten Jahr dann sollen die Forschungsprojekte starten. Detaillierte Informationen zu den Ausschreibungen finden sich unter:

https://pflegekinder-nextgeneration.ch/forschungspreojekt-pflegekinderhilfe-schweiz-ausschreibung/

 

Pflegekinderbereich – Berichte zeigen, wo Forschung notwendig ist

Im Rahmen des Projektes «Pflegekinder – next generation» wurde in den letzten Monaten analysiert, wo Forschungslücken bestehen und wo der Forschungsbedarf am dringlichsten ist. Die zugehörigen Berichte werden nun der interessierten Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Welche Bereiche der Pflegekinderhilfe, der Kinderrechte und des Kindesschutzes bei Pflegekindern sind wenig erforscht? Wo bestehen Handlungsunsicherheiten bei den verschiedenen Anspruchsgruppen? Welcher Wissensbedarf gibt es bei Fachpersonen und Betroffenen? Diese und andere Fragen standen im Zentrum der umfassenden Analyse zum Forschungsstand in der Schweiz, welche die PACH und INTEGRAS in den letzten Monaten im Auftrag der Palatin Stiftung durchgeführt haben.

Im knapp 80-seitigen Bericht «Forschungsbedarf im Pflegekinderbereich Schweiz» haben die Autorinnen nicht allein den bisherige Forschungsstand zusammengetragen. Vielmehr haben sie die aktuellen Bedürfnisse der verschiedenen Ansprechgruppen dingfest gemacht. Sie erfragten die Wissensinteressen bei den Kantonen und haben mit Fachpersonen und Betroffenengruppen Interviews und Workshops durchgeführt. In einem zweiten Schritt ging es darum, die neu gewonnenen Erkenntnisse und Ergebnisse zu gewichten. Im «Bericht zu Schwerpunkten der Forschungsprojekte» entwickelte Prof. Dr. Klaus Wolf Vorschläge für eine Handvoll zielgerichteter Forschungsprojekte.

Die genannten Berichte können hier heruntergeladen werden:

PACH und INTEGRAS: Forschungsbedarf im Pflegekinderbereich Schweiz

Management Summary: Forschungsbedarf im Pflegekinderbereich Schweiz

Anhang Forschungsbedarf: Übersicht Bildungslandschaft

Anhang Forschungsbedarf: Übersicht kantonale Strukturen

Prof. Dr. Klaus Wolf: Bericht zu Schwerpunkten der Forschungsprojekte

Auf der Grundlage der beiden Berichte hat die Projektgruppe «Forschung & Entwicklung» entschieden, zu welchen Themen die Forschungsprojekte ausgeschrieben werden sollen. Während das erste Projekt zum Thema «Partizipation der Pflegekinder» die Perspektive des Pflegekindes ins Zentrum rückt, weitet das Projekt «Gute Begleitung von Pflegeverhältnissen» die Perspektive auf alle Akteurinnen und Akteure des Pflegekinderbereichs aus. Das dritte Projekt schliesslich, die «Vergleichsstudie Strukturen», nimmt vor dem Hintergrund der heterogenen kantonalen Pflegekinderhilfe eine übergeordnete Perspektive ein und verortetet das Projekt «Pflegekinder – next generation» in der Politik.

 

«Dialoggruppe DAF» – jetzt anmelden!

Das nationale Projekt «Pflegekinder – next generation» setzt auf Forschung, Austausch und Dialog – das nächste Mal mit den DAF (Dienstleistungsanbietende Familienpflege). Die Themen und Ergebnisse der Forschung sollen in der Praxis laufend gespiegelt werden. Eine «Dialoggruppe DAF» wird im September erstmals zusammenkommen.

Der Austausch mit Pflegekindern war aufschlussreich, das Zusammentreffen mit ihren Eltern lehrreich. Und auch der Gedankenaustausch mit den Pflegeeltern hat vertiefte Erkenntnisse gebracht. Insgesamt sechs Dialoggruppen – in der deutschen und französischen Schweiz – , welche die Bedürfnisse und den Wissensbedarf der Betroffenen ins Zentrum stellten, haben bereits stattgefunden; wobei diese Form der Partizipation bei «Pflegekinder – next generation» nicht nur relevant ist, sondern auch Folgen zeitigt: So sind die Erkenntnisse aus den ersten Dialoggruppen direkt in die Analyse zum Forschungsbedarf in der Schweiz eingeflossen und damit Grundlage geworden für die Forschungsprojekte, die im Spätsommer ausgeschrieben werden.

Wertvoller Erfahrungsschatz der DAF

In den Dialoggruppen des Projektes «Pflegekinder – next generation» sollen die bedeutendsten Akteurinnen und Akteure des Pflegekindersystems Einsitz nehmen. Dazu gehören unbestritten auch diejenigen Organisationen, die Dienstleistungen in der Familienpflege erbringen. Die DAF unterstützen nicht nur die Pflegefamilien in ihrer anspruchsvollen Aufgabe, auch der Erfahrungsschatz der DAF ist für die Praxis zentral.

Im Herbst 2020 wird darum erstmals die «Dialoggruppe DAF» zusammenkommen. Während PACH und INTEGRAS die umfassende Analyse zum Forschungsstand in der Schweiz präsentieren, können die DAF in einen Austausch zu den Resultaten der Forschungsbedarfsanaylse treten. Die Standpunkte und Meinungen der DAF werden in das Projekt integriert. Darüber hinaus erfahren die DAF mehr über die Forschungsthemen, die die Palatin Stiftung diesen Herbst ausschreiben wird.

Nun suchen wir Mitarbeitende von DAF sowie auch Mitarbeitende von staatlichen Stellen, die Vermittlung, Begleitung und Ausbildung von Pflegeeltern ausüben (wie z.B. aus der französischen Schweiz ohne DAF). Sie  erfahren an der Veranstaltung auch, wie es im Projekt weitergeht.

Interessierte DAF, welche fester Bestandteil der «Dialoggruppe DAF» werden wollen, können sich jetzt für das erste Zusammentreffen anmelden:

Datum: Mittwoch, 16. September 2020, 10.00 – 14.00 Uhr

Ort: Hotel Kreuz Bern, Zeughausgasse 41 , 3011 Bern

Melden Sie sich bei Barbara Furrer, Fachmitarbeiterin PACH über barbara.furrer@pa-ch.ch oder unter 044 205 50 40

 

Interview mit Prof. Dr. Klaus Wolf

Die Projektgruppe «Forschung & Entwicklung» hat ihre Schwerpunkte für die kommende Ausschreibung gesetzt. Mitentschieden hat hierbei auch Prof. Dr. Klaus Wolf, der Gründer der Forschungsgruppe Pflegekinder und der Forschungsgruppe Heimerziehung der Universität Siegen. In einem Interview beleuchtet er sein Engagement für benachteiligte Kinder und die Bedeutung des Forschungsprojektes «Pflegekinder – next generation».

Klaus Wolf, Sie gelten als einer der wichtigsten Wissenschaftler im Bereich der Pflegekinderhilfe. Woher stammt Ihr Forschungsinteresse?

Menschen mit schwierigen Biografien haben mich schon immer fasziniert, während mich die gesellschaftliche Abwertung eben dieser Menschen abgestossen hat. Schon lange vor der akademischen Karriere habe ich mich für Kinder engagiert, die unter ungünstigen Verhältnissen aufwachsen. Wie ist es möglich, dass sich diese Kinder selbstbestimmt und zufrieden entwickeln und manchmal sogar ein glückliches Leben führen können? Was können wir beitragen, dass sich ihre Situation verbessert. Dies wollte ich wissen.

Sie waren stets in Deutschland tätig, an verschiedenen Forschungsstätten und ab 2002 als Professor für Sozialpädagogik an der Universität Siegen. Hatten Sie Berührungspunkte zur Schweiz?

Schon früh tauchten bei den Kongressen etwa Schweizer Kolleginnen und Kollegen auf. Sie zeigten uns, dass die Probleme hier wie dort sehr ähnlich liegen, sie berichten aber auch von grossen Unterschieden.

Nämlich?

Nun, der Unterschied zwischen der Deutschschweiz und der Westschweiz ist das eine. Das andere ist die Tatsache, dass die Pflegekinderhilfe beispielsweise im Kanton Appenzell Innerhoden ganz anders sein kann als in St. Gallen. Diese grosse Vielfalt springt einem ins Auge und bietet ein wunderbares Forschungsfeld.

Ist das der Grund, warum sie beim Projekt «Pflegekinder –  next generation» zugesagt haben?

Ja, als ich von diesem Projekt gehört habe, fand ich dieses sogleich faszinierend. Denn Forschung zu Pflegekindern gab es in der Schweiz bis anhin nur isoliert und punktuell. Wohl auch die Aufarbeitung des Verdingkinderwesens hat hier zu einem Umdenken geführt. Man will jetzt wissen, was damals war und man will erfahren, wie es heute ist. Wenn es nun durch dieses Projekt «Pflegekinder – next generation» einen Schub geben kann, dann ist dies nicht nur für mich als Wissenschaftler interessant, sondern es ist auch für die Pflegekinder in der Schweiz und hoffentlich die ganze Gesellschaft äusserst bedeutungsvoll.

Eine umfassende Forschungsbedarfsanalyse wurde gemacht. Was hat diese gezeigt?

Die Analyse hat gut vermessen, welche Forschungs- und Wissensbestände es gibt und wo Lücken bestehen. Die Aufgabe von unserer Projektgruppe «Forschung & Entwicklung» war es dann, die Schwerpunkte zu setzen. Es geht eben nicht darum, mit einem Forschungsprojekt gleich alle Lücken schliessen zu wollen – bei solch einer «eierlegenden Wollmilchsau» käme nichts Halbes und nichts Ganzes heraus.

Die Schwerpunkte wurden gesetzt. Da geht es einerseits um die «Partizipation der Pflegekinder».

Dieses Projekt ist überfällig. Alle sagen, die Kinder sollen im Mittelpunkt stehen. Aber jeder und jede, der mit Pflegekindern zu tun hat, weiss, wie oft sie sich ungehört und unverstanden fühlen. Die Kinder, um die es eigentlich geht, sind im Prozess oftmals zu wenig eingebunden. Wie können wir das ändern – dies muss uns interessieren.

Ein zweites Projekt beschäftigt sich mit der «guten Begleitung». Worum geht es da?

In der Bevölkerung gibt es die Vorstellung, dass mit «guten Pflegeeltern» alles klappt. Wenn es doch nur so einfach wäre. Das Gegenteil ist der Fall, vieles ist kompliziert: Pflegekinder, Pflegeeltern und auch die leiblichen Eltern – sie alle brauchen viel Unterstützung, damit sie es gemeinsam gut hinkriegen.

Und dann wäre noch die vergleichende Studie. Warum liegt Ihnen diese am Herzen?

Die vergleichende Studie ist darum spannend, weil es diese ganz spezielle, heterogene Ausgangslage nur in der Schweiz gibt. Die kantonalen Unterschiede kann man forschungsmässig bestens nutzen und sich fragen: Welche Folge hat es, wenn ein Kanton so oder anders organisiert ist? Welche Wechselwirkung gibt es zwischen den rechtlichen Regelungen und der Entwicklung bei Pflegefamilien. Wo lohnt es sich, mehr zu investieren und wo weniger. Dieses Forschungsprojekt kann, davon bin ich überzeugt, brisante Ergebnisse produzieren.

Was für Forschungsgruppen wünscht man sich?

Wir wollen in erster Linie Forschende, die nicht nur aufzeigen, was falsch läuft, sondern auch Ideen entwickeln, wie man es besser machen kann. Insbesondere bei der «guten Begleitung» und den «unterschiedlichen Strukturen» braucht es Gruppen, die Daten vergleichen können. Vor diesem Hintergrund wären überregionale Forschungsgruppen interessant. Ich denke da an Kooperationen zwischen Hochschulen, die auch nach unserem Projekt weiterleben. Gelingt dies, ist das Forschungsprojekt «Pflegekinder – next generation» nicht nur visionär, sondern auch nachhaltig.

Tagungsunterlagen zum Download

Während an der Tagung einerseits über das mehrjährige Forschungsprojekt «Pflegekinder – next generation» berichtet wurde, erhielten…

Umfrage «Mentimeter»

Anlässlich der Tagung «Pflegekinder – next generation» wurden die Teilnehmenden zu Ihren Erfahrungen mit der aktuellen Pflegekinderhilfe und möglichen Forschungsfeldern…

Start Forschungsprojekt «Pflegekinder-next generation»

An einer Fachtagung in Zürich ist heute das nationale Forschungsprojekt «Pflegekinder – next generation» lanciert worden.